Durchfall
Durchfall ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, das viele Ursachen haben kann. Wenn Vogelhalter von Durchfall sprechen, trifft das zum Glück selten zu. Statt dessen handelt es sich um wässrigen Kot (Polyurie). Der Unterschied zwischen Polyurie und Durchfall (Diarrhoe) scheint leider auch einigen Tierärzten nicht bekannt zu sein. Im Folgenden wird die Unterscheidung erklärt. Eine Sonderstellung nehmen brütende Hennen ein.
Polyurie
wird oft nicht durch eine Erkrankung verursacht sondern ist eine normale Form des Kotabsatzes.
Bei Polyurie zeigt sich der Kotstrang dunkelgrün/bräunlich und normal geformt. Er kann durch den Aufprall auf den Boden in kleine Stücken zerrissen sein. Den Kot umgibt eine große Menge Flüssigkeit, der weiß kristallisierte Urin fehlt meist völlig. Die Kloake ist manchmal etwas nass, ihre Umgebung und das Schwanzgefieder sind aber nicht durch Kot verschmutzt.
Der Verdauungstrakt der Nymphensittiche verfügt nicht über eine Harnblase. Der Urin fließt von den Nieren direkt in die Kloake. Im Bereich der Kloake kann dem Urin und dem Kot bei Bedarf so gut wie alles Wasser entzogen werden. Da auch die Atemluft beim Ausatmen fast keine Feuchtigkeit mitführt, müssen Nymphensittiche (bzw. australische Sittiche) nur sehr wenig Wasser trinken. Wenn sie nun mehr Wasser trinken oder durch das Fressen von Obst und Gemüse mehr Wasser aufnehmen als ihr Organismus benötigt, wird dieses Wasser durch Polyurie entsorgt. Diese Form von Durchfall ist also völlig normal und es besteht keinerlei Handlungsbedarf!
Polyurie tritt auch bei Stress auf. Durch Angst, Schreck und Aufregung werden die Darmbewegungen beschleunigt. Dadurch passiert der Nahrungsbrei schneller den Darmtrakt und es kann dem Kot nicht mehr das Wasser entzogen werden.
Leider ist Polyurie auch eines der Symptome bei Erkrankungen der Leber und der Nieren und kann auch, bedingt durch übermäßiges Trinken (Polydipsie), bei Diabetes und hormonellen Störungen auftreten. Es ist deshalb sinnvoll, besonders den Nachtkot unter Beobachtung zu halten und bei dauerhafter Polyurie nach den Ursachen zu suchen.
Diarrhoe
ist für Nymphensittiche ein lebensbedrohender Notfall. Bei echtem Durchfall ist der normalerweise als Strang (Würstchen) ausgebildete dunkelgrüne Kot flüssig, schaumig oder puddingartig. Oft sind auch unverdaute Körner eingelagert, bei Vergiftungen auch Blut. Manchmal hat der Kot einen üblen Geruch. Oft ist das Gefieder um die Kloake und im Schwanzbereich durch Kot verschmutzt.
Eine Infektion mit Krankheitskeimen, ein Befall mit Parasiten oder Pilzen, eine Vergiftung oder verdorbenes Futter hat das Verdauungssystem betroffen. Der Vogel verliert schnell Flüssigkeit und damit lebenswichtige Mineralien, er trocknet aus und die Nährstoffaufnahme ist stark eingeschränkt. Durch den Flüssigkeitsverlust wird das Blut eingedickt, durch Kreislaufversagen tritt der Tod ein. Es muss unverzüglich ein vogelkundiger Tierarzt aufgesucht werden, wenn der Vogel noch eine Überlebenschance haben soll!
Durchfall ist auch als Abwehrreaktion des Körpers zu sehen um zum Beispiel Giftstoffe auszuscheiden. Eine Selbstbehandlung mit Hausmitteln wie Kohletabletten oder schwarzem Tee ist nicht sinnvoll. Es werden nur die Symptome gemildert aber nicht die Ursache bekämpft! Nur parallel zu einer Behandlung kann der TA es für sinnvoll halten, die genannten Mittel einzusetzen um den Flüssigkeitsverlust zu stoppen oder Giftstoffe zu binden. Denn Vogelkohle wirkt absorbierend, das heißt sie bindet Stoffe an ihrer Oberfläche. Nicht nur Giftstoffe, sondern auch lebensnnotwendige Mineralien, Nährstoffe und oral verabreichte Medikamente können unwirksam werden.
Auch Kamillentee enthält durch das abgekochte Wasser weniger Mineralien. Hinzu kommt, dass viele Vögel den Tee verweigern und sich die Situation so verschlimmert. Schwarzer Tee enthält Koffein, welches einen Vogel umbringen kann.
Nach und manchmal schon während der Behandlung durch den TA ist die Gabe von gutartigen Darmbakterien (PT-12, Bird Bene Bac) sinnvoll, um die Darmflora wieder aufzubauen. Joghurt ist ungeeignet, denn er enthält Laktose. Diese ist für Vögel unverdaulich.
Statt Leitungswasser kann man während einer Durchfallerkrankung Mineralwasser ohne Kohlensäure anbieten. Noch besser ist eine Elektrolytlösung. Es gibt lösliche Pulver in der Apotheke oder auch fertige Tyrode-Lösung zu kaufen. Diese enthält auf einen Liter destilliertes Wasser folgende Zugaben:
- 8,0g Natriumchlorid
- 0,13g Calciumchlorid
- 0,2g Kaliumchlorid
- 0,1g Magnesiumchlorid
- 0,05g Natriumdihydrogenphosphat
- 1,0g Natriumhydrogencarbonat
- 1,0g Glukose
Diese Lösung kann auch vom Apotheker frisch hergestellt werden. Verweigert der Vogel die Aufnahme, muss wieder normales Wasser angeboten werden. Wenn es Zweifel gibt, ob es sich nicht doch um Diarrhoe handelt, sollte unverzüglich ein vogelkundiger Tierarzt aufgesucht werden!
Sammelkot
tritt bei brütenden Hennen und während der Eiablage auf. Da die Tiere den Nistkasten so selten wie möglich verlassen um zu fressen, trinken und Kot abzusetzen, sammelt sich mitunter eine beträchtliche Menge an. Besonders am Morgen, nachdem eine Henne die ganze Nacht im Kasten verbracht hat, kann der Kot eines Nymphensittichs zehn mal so groß sein, wie normal. Dieser Kot kann unangenehm riechen und besteht oft aus einer breiigen Masse. Man kann ihn leicht mit Durchfall (Diarrhoe) verwechseln, was aber nicht der Fall ist.
Die Henne auf dem Bild hat fast fünf Tage nicht abgekotet und sich erst auf dem Weg zum Tierarzt erleichtert. Der Boden des Transportkäfigs war zur Hälfte mit einer dicken, übel riechenden Kotschicht bedeckt. Diese Henne zeigte übersteigertes Brutverhalten und wollte den Nistkasten auch nicht zum Fressen verlassen. Sie musste daher mehrmals täglich zum Fliegen gezwungen werden, auch um den Kreislauf in Schwung zu bringen.
Text: Jana Rückschloss